Copyright und Nischenkultur

Ich wurde familiär „ermahnt“ doch wieder mal was anderes zu schreiben, als nur über den Technikkram. Nun, sei es.

Ich war mal wieder im Kino. Nun, ich bin zwar durchaus latenter Filmfan aber kaum ein Kinogänger. Was in erster Linie daran liegt, dass ich mit dem Mainstream-Angebot aus Hollywood nicht zurecht komme und ich mit meiner üblichen „Begleitung“ hier auch kaum eine Schnittmenge finde. Wenn geschossen wird, kommt meine Frau nämlich nicht mit. Berechtigterweise.

Vorige Woche haut es uns aber förmlich vom Sockel: Auf der Titelseite des örtlichen Kinoflyers wird ein französischer Film beworben, der dann auch im größten Saal lief: Ziemlich beste Freunde. Wir sind beide Fans des französischen Gegenwartsfilms und da muss man dann natürlich auch gleich hin.

Kurz: Der Film war wie erwartet super. Er kommt zwar nicht an die Schtis ran (auch schlecht vergleichbar), ist aber sehr empfehlenswert. Man hat einiges zum Lachen und noch viel mehr zum Nachdenken. Aber darüber will ich hier eigentlich nicht schreiben.

Was mag ich an typisch französischen Filmen (die in erster Linie für den Innenmarkt produziert werden und nicht für die USA, was es auch gibt):

  • spielen thematisch meist im Alltag, mit Menschen wie du und ich, keine Superhelden
  • eigentlich immer voll mit subtilem Humor und Situationskomik
  • haben meist eine Botschaft, also was zu sagen, wenn sie auch manchmal ganz schön skuril sind
  • oft low Budget Produktionen, die von den Schauspielern und der Filmkunst leben, nicht von Spezialeffekten
  • unterhaltsam und kurzweilig und dabei muss weder die Welt gerettet werden noch jemand sterben

In Frankreich werden sehr viele Filme gedreht und die französische Filmkunst auch intensiv gefördert. Frankreich ist ein Kinoland und die knappe Hälfte der Kinobesuche entfällt dort auf einheimische Produktionen. Trotzdem schaffen es nur sehr wenige Filme in deutsche Kinos und auch kaum ins deutsche TV (manchmal um Mitternacht, zuweilen auf Arte…). Selbst auf DVD bekommt man nichts synchronisiertes (oder wenigstens beuntertiteltes) zu kaufen. Woran das liegt? Fehlt der Markt? Bin ich der Einzige, der hier bereit ist, dafür sein Geld ins Kino zu tragen? Warum wird diese Marktnische nicht gefüllt?

Schauen wir uns mal den deutschen Film- und Kinomarkt an: Er ist dominiert von wenigen großen Verleihern, großen Kinoketten und einem millitant durchgesetzten Copyright. Wir finden hauptsächlich amerikanische Produktionen auf dem Spielplan. Oft findet man Fortsetzungen bereits erfolgreicher Filme bzw. Filme von Regisseuren oder Produzenten, die bereits erfolgreich waren oder mit bekannten Stars. In letzter Zeit finden auch mal (IMHO geniale) deutsche Produktionen ihren Weg. Aber wenn man mal schaut, hat es nur Til Schweiger oder der Dunstkreis darum geschafft.

Ich denke, man kann die Auswahl in etwa so umschreiben: Es wird nur gespielt, was im Mainstream große Umsätze bei wenig Risiko verspricht. Dabei ist ein Trend zu teuren Megaproduktionen deutlich bemerkbar.

Was das jetzt mit der bei uns vernachlässigten französischen Filmkunst zu tun hat? Ich empfehle dazu dringend die Literatur zweier Telepolis-Artikel:

Wem nutzt das Urheberrecht?

Eine Flut technisch-wissenschaftlicher Spezialliteratur

Ich fasse mal zusammen: In der Geschichte gibt es ein gutes Beispiel, was Copyright auf dem Buchmarkt bewirkt. Während in England das Copyright sich schon sehr früh etablierte – eigentlich seit Beginn der Buchdruckerei – , führte man es in Deutschland erst 1837 ein. In England waren die Bücher wesentlich teurer, es gab wenige Werke berühmter Autoren, die aber in großen Auflagen. In Deutschland gab es einen großen Druck hinsichtlich neuem Materials (Bestseller wurden ja gleich durch andere nachgedruckt), dadurch viel mehr Titel und ein breiteres Spektrum, dass auch Nischen abdeckte. Der Buchpreis war auch niedriger, was neue Käuferschichten erschloss. Man kann sogar sagen, dass hier die Wiege der deutschen Ingenieurskunst steht: bei ca. allein rund 108.000 Titel „Praktische Anleitung zu …“. In England zählt man inklusive der zusammenfassenden Standardwerke nur 520 Titel aus dem wissenschaftich/technischen Bereich.

Und die Autoren? Ist bei einem fehlenden Kopierschutz nicht zu erwarten, dass die armen Autoren am Hungertuch nagen?

In England gab es wenige Spitzenverdiener, aber wer nicht dazu gehörte konnte von der Schreiberei nicht leben. In Deutschland gab es ohne das Copyright die Spitzenverdiener nicht, aber viele Autoren hatten ihr gutes Auskommen. Nun ja, in England werden die Verlage vielleicht höhere Gewinne bei niedrigerem Risiko erziehlt haben.

Ich sehe hier eine gute Parallele zum gegenwärtigen Filmmarkt. Klar kann man bei den derzeitigen technischen Kopiermöglichkeiten die Erfahrungen von vor 200 Jahren nicht kritiklos übertragen. Aber ehrlich:

  • wir haben vorwiegend teure Filme mit sehr gut verdienenden Stars ( –> teure Bücher in England)
  • Schauspieler oder Autoren die nicht zu den Stars gehören, verdienen bei prekären Beschäftigungsverhältnissen sehr wenig (–> wenige Autoren,aber dafür mit hohem Einkommen in England)
  • und natürlich haben wir wenig Nieschenprodukte, nur der Mainstream wird bedient (wenig Buchtitel in England, im Gegensatz zur Titelschwemme im alten Deutschland)

Man kann deshalb durchaus schlussfolgern, dass das rigide Copyright uns viele schöne Werke französischer Filmkunst vorenthält, weil der Druck nach einem vielfältigerem Angebot fehlt und ein entsprechendes Risiko sich nicht lohnt. Mal davon abgesehen, dass eine Angleichung der Künstlergehälter der Kultur ganz gut tun würde.

Dass Raubkopierer die Filmwelt nicht in den Abgrund stürzen, sieht man nebenbei bemerkt auch an folgender Studie:

Raubkopierer sind die besten Kinokunden

Und wenn wir im Kino wieder mal eine „Abfilmen ist eine Straftat“ und „Raubkopierer sind Terroristen“ Einblendung oder sogar Werbespot sehen, gehen wir mal für eine Minute in uns und denken an den unregulierten blühenden Buchmarkt in Deutschland vor 200 Jahren.

Gibt es Hoffnung? Im derzeitigen politischen System sehe ich da keine Chance. Die Politik richtet sich im Kapitalismus eben nach den Interessen des (Groß-)Kapitals und nicht nach dem Gemeinwohl. Andererseits kann es im Fall der französischen Filme hier wie immer laufen: Weil es nahe liegt, hier etwas zu tun, bezahlt man die Synchronisation der französischen Filmerei und deren Promotion in Deutschland aus Steuermitteln. Bei der eh hohen französischen Filmförderung ein durchaus naheliegender Weg, der Raum zur Hoffnung gibt.

Was gab’s sonst noch so im Kino? Schön ist ja auch immer die Vorschau (und Werbung) vor dem eigentlichen Film:

Also wirklich, die haben tatsächlich Titanic mit Kate und Leonardo nochmal in 3D nachgedreht. Aber wirklich, wer geht schon in einen Film, denalle schonmal irgendwie gesehenhaben und bei dem man schon vorher weiß, dass das Schiff unter geht. 🙂

Es gibt auch wieder was neues von einem meiner Lieblingsregiseure: Steven Spielberg. Ich bin filmemäßig ein optischer Typ und die visuelle Sprache von Spielberg macht mich schon an. Der Trailer zu seinem neuesten Werk „Gefährten“ macht ihm wieder alle Ehre. Bilder zum heulen schön. Aber bitte, eine Pferdegeschichte im Krieg – nicht doch.

(Um kein Risiko mit der Verletzung fremder Rechte einzugehen, bleibt dieser Artikel eine Bleiwüste und enthält keine Bilder von Filmszenen zur Illustration.)

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Ein Kommentar zu Copyright und Nischenkultur

  1. Oliver sagt:

    Hallo Ralf,

    nicht mehr ganz taufrisch, Dein Post, aber ich lese es jetzt erst… und möchte den historischen Kontext Buchmarkt in England etwas kommentieren.

    1. Erstmal halte ich es für schwierig, Textsorten, die primär unterhaltenden Charakter haben, mit wiss.-techn. Literatur zu vergleichen.

    2. Der vergleichsweise hohe Buchpreis in England hatte bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem mit einer enormen Besteuerung auf Druckerzeugnisse zu tun, die erst ab den 1840er Jahren schrittweise zurückgefahren wurde.

    3. Trotz hoher Preise, und vor allem nach der schrittweisen Aufhebung der Besteuerung, ist der literarische Markt in England alles andere als klein. Seriöse Statistiken gehen allein von ungefähr 60000 Romantiteln aus, die im 19. Jahrhundert in England erschienen sind.

    4. Die Verdienstfrage: Keine Frage, Schutz hin oder her, einzelne Spitzenverdiener wird es immer geben. Literatursoziologische Untersuchungen für England zeigen aber, daß es auch dort im 19. Jahrhundert leichter war, vom Schreiben zu leben, als bspw. heutzutage. (Einfache Frage: welcher Verlag / Herausgeber zahlt heute Honorar für Aufsätze, Essays, Rezensionen in Zeitschriften? Das war mal üblich…) Und weiter: Warum setzten sich im 19. Jahrhundert auch englische Schriftsteller vehement für internationale Copyright-Abkommen ein? Die Alternativen mitsamt der vermeintlichen Vorteile dürften doch auch damals schon bekannt gewesen sein?
    Andersherum haben sich auch deutsche Autoren bitterlich über den unregulierten, wild nachdruckenden Buchmarkt beschwert. Warum? Vielleicht weil vom Gewinn des Raubdruckers nichts bei ihnen ankam?

    Oder anders — eine kurze Entwicklungskette der Verdienstmöglichkeiten im Literaturbetrieb (Bsp. aus England und Deutschland):
    In der Mitte des 19. Jahrhunderts war es für Schriftsteller, Essayisten durchaus möglich, von ihrer künstlerischen Arbeit zu leben (für England würden mir auf Anhieb mindestens 20-30 Namen einfallen) –> gegen Ende des 19. Jh. wird das schon schwieriger, da müssen viele zwischendurch Sachen schreiben, die sie eigentlich als Künstler nicht wollen, die aber schnelles Geld bringt (beschreibt z.B. George Gissing in „New Grub Street“), –> Mitte 20. Jh. schließlich muss ein Autor wie Arno Schmidt immer wieder Sachen einschieben, die er „Brotarbeiten“ nennt, vor allem Übersetzungen, mit denen er die finanz. Mittel reinholt, um sich dann an seine eigenen literarischen Projekte setzen zu können, (Übersetzungen finanzieren also einen guten Teil seines Lebensunterhalts) –> und heute? sagen die allerbesten Übersetzer, daß ihre Arbeit eigentlich nur noch Nebenberuf oder Hobby sein kann, für den Lebensunterhalt braucht man eigentlich noch was anderes.

    Mir scheint, daß sich da hauptsächlich etwas in der wirtschaftlichen Verwertungskette der lit. Erzeugnisse verschoben hat — also die Frage: wieviel Geld/Gewinn kann man mit einem Produkt erzielen und wieviel davon kommt beim Urheber an? Und ob man dem über das Urheberrecht beikommen kann?

    So, auch eine Bleiwüste geworden, hi….

    Grüße
    Oliver

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