Autofahren in den USA …

… bzw in den Weststaaten der USA und wieder in Deutschland. Wie ich vorhin aus dem Küchenfenster schaue, will gerade ein kleiner Steppke mit seinem Fahrrad an der Einmündung über unsere Straße. Er sieht wohl ein Auto und bleibt in der Mitte der Straße stehen. Das Auto kommt schneller als es eigentlich der Straßenzustand erlaubt, fährt ohne anzuhalten am Steppke vorbei und biegt links ab. Hatte ja Vorfahrt, der Knirps kam von links. Von rechts (echt besch… einsehbar) kam gestern auch nichts.

Warum ich das hier schreibe? Noch die Verhältnisse in der 7 Mio. Einwohner starken Bay-Area (San Franzisco bis San Jose) gewohnt, hat mich die Szene doch etwas aufgeregt. In diesem Autofahrer dominierten Teil der Welt sind Fußgänger und Radfahrer quasi heilig und Kinder sowieso. Wenn jemand angefahren wird, kommt das gleich im Frühstücksfernsehen und diverse Bürgermeister brüsten sich gleich damit, was sie doch neuerdings für die Sicherheit der Kinder/Fußgänger/Radfahrer tun. Man fährt sehr konservativ und an einem auf der Straße stehendem Kind vorbeizufahren ist echt undenkbar.

Wir sind bei unseren reichlich 3 wöchigen Aufenthalt über 7000km gefahren und haben einige Verkehrserfahrung gesammelt. Generell fährt es sich aus meiner Sicht deutlich entspannter als in Deutschland, und das, obwohl die Bay-Area eine nicht endende Großstadt ist und obwohl einige Verkehrsregeln für einen Deutschen doch recht befremdlich anmuten.

so leer sind die Straßen leider nicht überall

so leer sind die Straßen leider nicht überall 

Die Straßen sind irgendwie breiter und man fährt eben ehr konservativ und rücksichtsvoller als hier. Dafür gibt es kein Rechtsfahrgebot und man überholt auf den mehrspurigen bzw. zuweilen echt vielspurigen Fahrbahnen rechts wie links und wechselt die Fahrspur in den Sicherheitsabstand hinein wie es gerade passt. Wenn man aber mal bei Bedarf das Gas weg nimmt und den in die Spur wechselnden herein lässt, ist alles dennoch entspannt. Nur der Schulterblick ist echt sowas von notwendig!

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Im Prinzip fährt man ruhig, wenn man einfach stoisch seine Fahrspur beibehält. Das gelingt aber nicht ewig, denn irgendwann wartet die „right lane must turn right“ Falle. D.h. man erfährt 50m vor der Kreuzung dass die rechte Fahrspur nur rechts herum geht. Nach der Kreuzung sind dann alle Fahrspuren um eins nach rechts verschoben. Das sorgt für etwas Bewegung zwischen den Spuren. Aber man ist eben höflich und lässt herüberwechseln und wird auch selbst gut in eine volle Fahrspur hineingelassen. Der amerikanische Verkehrsklassiker schlechthin ist der 4-way-stop, also eine Kreuzung, an der alle Straßen ein Stopschild haben. Es fährt der zuerst, der zuerst an der Sperrlinie angehalten hatte. Für den Deutschen ist das schonmal unmöglich, weil zu weich geregelt. In der Praxis muss man eben sehr aufmerksam den Verkehr an der Kreuzung beobachten und im Zweifel zaghaft anfahren. Richtig verrückt wird das erst, wenn nicht alle ein Stopschild haben, sondern eine Straße durch geht. Manchmal steht das (im Klartext) am Stopschild oder ist zumindest durch Sperrlinien ersichtlich, manchmal auch nicht. Da muss man noch vorsichtiger sein, weil man nicht darauf bauen kann, dass der andere Verkehr auch anhält. Im Zweifel weiß man das eben nie. Nebenbei, auch bei dieser Stopvariante mit Durchgangsverkehr gilt: Wer zuerst anhält, fährt zuerst wieder los. Der Linksabbieger gegenüber fährt dann eben zuerst, auch wenn man selbst gerade aus will…

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Ich hatte über ADAC/Hertz einen Midsize-SUV also einen Mittelklasse Geländewagen mit dem Modellbeispiel Toyota RAV-4 angemietet. Bekommen habe ich einen Chevrolet Equinox in einer mittleren Ausstattungsklasse. Ja, so einen auf den die gegenwärtige medienstarke Rückrufaktion vom GM auch zutreffen sollte. Eigentlich habe ich gegenüber amerikanische Autos ganz schöne Vorurteile, aber insgesamt war ich doch sehr positiv überrascht. Das Teil fuhr sich echt gut, war leise, bequem und ausreichend groß ;-). Lediglich die Automatik verleitet trotz 182 PS nicht zu zügigen Fahrmanövern. Da dort fast alle Automatik fahren, ist der durchweg konservative Fahrstil eigentlich auch gar nicht anders möglich 😉 So schön das Auto gefahren ist, gibt es doch dann wieder so typische amerikanische Macken wie eine Gepäckraumabdeckung, die einfach eingeklemmt wird und bei einem Unfall unmöglich halten kann.

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Auch schön: Nach einer Notbremsung in Las Vegas (da wollte einer im letzten Moment doch nicht abfahren und hat vor mir wieder rübergezogen), also nach dieser Notbremsung war die Fahrersitzheizung plötzlich auf Volldampf, echt ein wahrhaft heißer Hintern. Da war wohl ein Tippschalter zu leichtgängig. Der Chevy hat übrigends so zwischen 8,5 und 10l/100km verbraucht, wobei man da natürlich auch lange Strecken sehr verbrauchsgünstig fährt. Mit einem realen Verbrauch in den Thüringer Bergen hat das dann doch nichts zu tun. Lt. Internet Preisliste kostet das Teil in unserer Ausstattung um die 29.000$, was für amerikanische Verhältnisse recht stolz ist. In Europa wird der Typ nicht angeboten (aber 3 andere SUVs von Chevrolet, verstehe das, wer will). Kurzum, sollte ich wieder mal einen Mietwagen da benötigen, würde ich den sehr gerne wieder nehmen.

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Aber zurück zu amerikanischen Straßenverhältnissen. Seit einigen Jahren ist die lahme Maximalgeschwindigkeit von 55 Mph in den meisten Bundesstaaten obsolet. In Kaliforniern sind meist 65 mph (= reale 100-110 km/h) auf den Highways erlaubt, unabhängig ob die nun landstraßenmäßig oder autobahnmäßig ausgebaut sind. In Nevada ist auf den autobahnmäßig ausgebauten Strecken (Freeways) in der Regel 75 mph (=reale 130 km/h) erlaubt. Mit den erlaubten (fast) 130 kommt man eigentlich super voran und da alle gleich schnell fahren ist das auch einigermaßen entspannt. Schon die erlaubten 130km/h in Frankreich und die daraus resultierende stressfreiere Fahrt geben einen zu denken. Nach den Erfahrungen in den USA bin ich jetzt vollends für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen. Nicht gerade das von den Grünen geforderte 120, aber 130 oder 140 km/h wären angebracht und würden die Fahrerei deutlich einfacher und sicherer machen. Es ist mal ganz gut zu erleben, dass man so eingeschliffene Sachen wie Verkehrsregeln auch ganz anders machen kann und die Welt sich trotzdem ganz gut weiter dreht.

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