Grenzlandwanderung

Heute habe ich mal ein ganz anderes Thema. Ich pflege zuweilen eine „merkwürdige Art des Tourismus“, die statt auf konventionelle Sehenswürdigkeiten auf historisch – auch in sehr jüngster Vergangenheit – bedeutsame Orte abzielt.

Ich bin im deutsch-deutschen Grenzland aufgewachsen. Mein Heimatort lag unmittelbar vor dem Grenzstreifen und man durfte den Ort nicht nach Süden und Südosten hin verlassen. Nicht weit hinter der Ortsgrenze standen die gelben Sperrschilder und Nichtbeachtung führte schon mit recht hoher Wahrscheinlichkeit zu irgendwelchem Ärger. Nun, der Mensch gewöhnt sich an alles und so war das für mich als Kind Normalität und eigentlich nicht so sehr belastend. (Wann haben sie beispielsweise das letzte Mal die Wälder oder die Wiesen südlich ihres Wohnortes betreten? ). Beim Fall der Grenze war ich schon längst studieren und kaum noch zu Hause. So kam es, dass ich bestimmte Gegenden um mein Heimatdorf herum überhaupt nicht kenne, obwohl die Gegend wirklich wunderschön ist.

Pfingsten war es also nun soweit und ein Teil des terra incognita wollte 20 Jahre nach Fall der Grenze von mir erwandert werden. Genauer geht es hier um die Gegend südlich von Effelder (Gemeinde Effelder-Rauenstein im Schaumberger Land, auf Google Maps)

Effelder von Osten mit ICE-Brücke im Hintergrund

Effelder von Osten mit ICE-Brücke im Hintergrund 

Hier ging es los. Das Bild zeigt den Blick auf Effelder von Osten aus, ca, 200m nach den ehemaligen Sperrschildern. Im Hintergrund sieht man die neue ICE-Brücke bei Grümpen, von den Einheimischen auch Soda-Brücke genannt, weil sie einfach nur so da steht. (von der Anbindung nach links und rechts war lange nichts zu sehen und man wusste nicht, ob irgendwann der Bau der Bahnstrecke weiter geht)

Mit der Strecke will ich hier niemandem langweilen, aber sehr empfehlenswert finde ich den Grenzwanderweg, auf dem wir irgendwann einschwenkten. Der Grenzwanderweg geht entlang des ehemaligen Kolonnenwegs, genauer entlang des grenzseitigen Wegs. Der Kolonnenweg ist ein mit Rasengittersteinen befestigter Weg, auf dem die Grenztruppen den Grenzstreifen befahren haben. Da der Grenzstreifen zwischen hundert und oft zwei Kilometer breit war, gab es meist zwei dieser Kolonnenwege, einen grenzseitigen und einen innenlandseitigen. Zu DDR-Zeiten war der Grenzstreifen natürlich so möglich frei von Bewuchs. Jetzt, 20 Jahre später, ist der Wald schon ordentlich groß. Zur Wanderers Freud sind aber die Kolonnenwege frei gehalten worden.

Ehemaliger Kolonnenweg an der Innenseite der Grenze

Ehemaliger Kolonnenweg an der Innenseite der Grenze 

Ehemaliger Kolonnenweg direkt neben der Grenzlinie (Grenzwanderweg)

Ehemaliger Kolonnenweg direkt neben der Grenzlinie (Grenzwanderweg) 

Ein touristisches Highlight in diesem Grenzabschnitt ist zweifelsfrei der Generalsblick. Das ist eine etwas ausgebaute Aussichtsstelle, an der Politprominenz (von DDR-Persönlichkeiten bis zu diversen Sowjet- und anderen ausländischen Generälen) die DDR-Grenze gezeigt wurde. Man hat hier auch einen guten Blick in den „Westen“, also nach Neustadt/Cbg. Der Name entstammt übrigens dem Soldatenjargon und wurde erst nach der Wende offiziell übernommen. Leider ist der Ausblick heute nicht mehr generalsmäßig, da die Blick inzwischen von Bäumen weitgehend zugewachsen ist. Hier vergibt man sich touristisch extrem viel, aber zum Tourismusangebot noch später.

Der Grenzwanderweg westwärts führt durch steile Hänge und tiefe Schluchten. Sehr impossante und schöne Gegend!! Früher hat man auf der Disko immer die Mähr erzählt, dass man im Winter auf Skiern einfach so über die Grenze fahren kann, wenn man die zugewehten Senken kennen würde. Na, jetzt weiß ich, wo das war 🙂

Reste der Grenzanlage

Reste der Grenzanlage 

In diesem Bild sieht man noch einen Rest der Grenzanlage. Im Allgemeinen ist aber außer den Kolonnenwegen und der durchweg jüngeren Vegetation kaum noch was zu bemerken. Der Unrat vor dem Zaunsständer ist übrigends ein umgefallener Jägerhochstand. Die Hochstände gibt es entlang des Weges jetzt in Unmengen.

Das ist der

Das ist der "berühmte" Krumme Stein, uralte Grenzmarkierung 

Ein weiterer kleiner touristisch sehenswerter Punkt ist der Krumme Stein an der Verbindungsstraße zwischen Effelder und Meilschnitz, die der Grenzlandweg hier schneidet. Der Krumme Stein war schon seit Ewigkeiten (Urkundlich erwähnt seit 1378, irgend eine Grenze ging wohl hier schon immer lang 😉 ) eine Grenzmarkierung und im Dorf auch in den Jahrzehnten der Grenze (als die nachwachsende Generation diese Stelle nicht mehr kennen konnte) noch ein fester Begriff. Von Meilschnitzer Seite her endete hier vor der Wende der damals bestehende Wanderweg.

Blick vom Krummen Stein Richtung Generalsblick

Blick vom Krummen Stein Richtung Generalsblick 

Vom Krummen Stein aus hat man einen sehr schönen Ausblick Richtung Generalsblick. Anhand der Baumspur erkennt man den Verlauf der Grenze (also des Grenzwanderwegs). Die sehr steilen Berge hier haben die Grenzbauer sicher vor gewissen Anforderungen gestellt 😉

Bei der Wanderung ist mir aufgefallen, dass sehr viele Radwege ausgeschildert sind. Auch der mit Rasengittersteinen sehr löchrig befestigte ehemalige Kolonnenweg, der heutige Grenzwanderweg. Ich fahr selbst gern und oft Rad und würde wirklich keinen dieser Wege länger fahren wollen. Es muss ja nicht alles asphaltiert sein und manchmal zwischendurch schieben ist auch OK, aber irgendwie muss der Weg prinzipiell befahrbar sein, ohne dass man sich höllisch konzentrieren muss. Und wenn man eine Route plant geht man auch davon aus, dass man auf einem ausgewiesenem Radweg auch einigermassen voran kommt. Was man sich hier gedacht wohl hat? Irgendwie komm ich mit dem Tourismuskonzept wohl nicht so ganz klar. BTW. vom bayrischen Anschlußgebiet sind GPS-Wanderkarten zu bekommen, von der Region Effelder-Schalkau gelang mir das nicht. Passt auch irgendwie ins Bild.

Zum Abschluß aber noch ein Bild vom Süden gen Effelder und ein kleines geologisches Schmankerl.

Hügelreihe nahezu gleich großer Berge

Hügelreihe nahezu gleich großer Berge 

Die Bergkette nördlicherseits liegt auf der sogenannten Schalkauer Platte und besteht aus mehreren nahezu identisch großen Bergen (orange Linie im Bild). Zudem liegt Effelder auf einer Trennlinie, im Süden Bundsandstein, im Norden kalkhaltige Erde. So gibt es nördlich und südlich vom Dorf auch eine ganz unterschiedliche Flora.

Was will ich aber eigentlich mit diesem Artikel sagen:

  • Das Schaumberger Land, also die Gegend um Effelder-Rauenstein und Schalkau, zwischen dem Coburger Land und dem Thüringer Wald ist sehr reizvoll und auf jeden Fall einen Besuch Wert. Der Grenzwanderweg ist eigentlich ein Muss.
  • Um die touristischen Highlights muss man sich etwas kümmern, aber da schlummern echte Perlen (zumindest, wenn man meinen Hang zu historisch ausgefallenen Stellen teilt). Es gibt da natürlich noch viel mehr, als ich hier angerissen habe.
  • Das Tourismuskonzept finde ich auf den ersten Blick, vorsichtig ausgedrückt, etwas eigenartig und wohl etwas von Geldmangel geprägt. Auf jeden Fall wäre noch sehr viel herauszuholen. Aber das ist natürlich ein ganz subjektiver Eindruck eines flüchtigen Besuches.
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2 Kommentare zu Grenzlandwanderung

  1. Thomas sagt:

    Danke für die interessante Beschreibung. Eigentlich war ich auf der Suche nach Infos für Nextgen Gallery.

    Auf den Grenzlandwanderweg sind wir weiter westlich bei Ummerstadt, Heldburg, Streufdorf gestoßen. Allerdings sind wir den Weg nicht abgewandert. Denn wie Du schreibst, lachte uns auch der Kolonnenweg an, links und rechts gesäumt von Bäumen. Ab und zu mal eine Infotafel, bspw. zu Minen.

    Alles in allem ein sicherlich netter Ansatz. Jedoch vermissen wir das „Salz in der Suppe“, die Infotafeln reißen es nicht raus. Jegliche Relikte sind verschwunden und so bleibt, außer den Rasengittersteinen, wenig was den Grenzlandwanderweg von einem beliebigen Wanderweg unterscheidet.

    Insofern kann man Orte wie Billmutshausen, das Zweiländermuseum Streufdorf und die Ruine Straufhain gleich direkt ansteuern.

    • Ralf sagt:

      Hallo Thomas,

      ja, du hast da leider Recht. Nach der Wende konnte es offensichtlich nicht schnell genug mit dem Einreißen der Grenzrelikte gehen. Man hat da geschichtlich wie touristisch schlichtweg jede Chance vertan. Das ist eigentlich so schade, dass es schon weh tut.

      Die Grenze bei der jetzigen Gemeinde Frankenblick (Mengersgereuth, Effelder) ist immerhin noch landschaftlich recht schön, da sie quer durch das (unbewirtschaftete) Bergland schneidet.

      Ralf

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